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Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst ist für die Betroffenen eine enorme Belastung. Schlimmstenfalls bleibt es nicht bei zersprungenen Scheiben. Foto: Ivan Smuk/Colourbox
Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst Beleidigungen und Übergriffe als Dank
Die psychische und physische Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst nimmt zu. Zwei Betroffene schildern persönliche Erfahrungen.
Beschimpft, bedroht, geschlagen – und bekannt ist lediglich die Spitze des Eisbergs: Nur drei von zehn Übergriffen auf Beschäftigte des öffentlichen Dienstes kommen zur Anzeige. „Dabei hat jede vierte Person im öffentlichen Dienst bereits Gewalt am Arbeitsplatz erlebt“, sagt Daria Abramov, stellvertretende Vorsitzende der dbb jugend und Mitglied der AG Sicherheit, und verweist auf eine Studie des Bundesinnenministeriums. „Es ist skandalös, dass Menschen zur Zielscheibe werden, weil sie ihren Job machen.“
Mehr in Aufklärung investieren
Um die Prävention – im Sinne der Beschäftigten – zu verbessern, fordert Abramov ein besseres Monitoring. „Man kann Probleme nur nachhaltig lösen, wenn sie bekannt sind. Deshalb müssen wir verpflichtende Melde- und Auskunftssysteme etablieren.“
Damit ließe sich auch die Prävention in den Behörden vor Ort verbessern, unterstreicht die Gewerkschafterin, die als Teamleiterin im Sozialamt in Wuppertal arbeitet. „Wenn jemand in Behörde A randaliert hat, sollte Behörde B davon Kenntnis haben, wenn die Person sie zu einem späteren Zeitpunkt besucht.“
Weiterhin braucht es ganzheitliche Sicherheitskonzepte. Ganzheitlich bedeutet, sämtliche Ebenen mitzudenken: Die bauliche Ebene kann zum Beispiel beinhalten, dass es im Büro einen zweiten Fluchtweg gibt. Die organisatorische regelt, was im Ernstfall passiert – vom Vorfall selbst über das konsequente Stellen von Strafanzeigen bis zur Nachsorge der Betroffenen. Und die personenbezogene Ebene stellt sicher, dass Beschäftigte wissen, wie sie sich im Ernstfall verhalten. Hierfür bedarf es Fortbildungen. „Vor allem müssen wir das Thema zum Thema machen und Führungskräfte sensibilisieren“, betont Abramov.
Mehr entdecken: Im Dienst beleidigt – was Betroffene wissen müssen
Zwei Erfahrungsberichte aus der Praxis
Polizei, Justiz, Rettungskräfte – wenn Medien über Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst berichten, stehen diese Berufsgruppen oft im Fokus. Andere bleiben unter dem Radar, zum Beispiel Beschäftigte bei den Krankenkassen und in der Lebensmittelkontrolle. Nachfolgend berichten zwei Betroffene.
Krankenkasse: Der Ton wird härter, die Aggressivität nimmt zu
Mein Name ist Katja Meerkamm, ich bin 27 Jahre alt und arbeite als Sozialversicherungsfachangestellte bei einer Krankenkasse im öffentlichen Dienst.
Die Kundenberatung hat mir immer Spaß gemacht. Es ist immer mein persönlicher Anspruch gewesen, für die Versicherten eine gute Ansprechpartnerin zu sein und ihre Anliegen zu klären. Das ist auch heute noch so.
Die Krankenkassen wollen die Digitalisierung nutzen, um den Versicherten ein noch besseres Kundenerlebnis zu ermöglichen. Prozesse lassen sich effizienter gestalten, Wartezeiten perspektivisch verringern. Die Verbesserung der Prozesse durch die digitale Transformation benötigt aber auch Zeit. Sie findet nicht von heute auf morgen statt.
Aktuell herrscht auch bei uns Personalmangel, wie so oft im öffentlichen Dienst. Gleichzeitig steigt die Anzahl der pflegebedürftig werdenden Versicherten, die Zahl der Fälle und damit die Kontaktaufnahmen nehmen immer stärker zu. Das alles führt zu längeren Wartezeiten.
Das Verständnis hierfür nimmt bei den Versicherten stetig ab, der Ton wird härter, die Aggressivität nimmt zu. Wenn nicht alles sofort erledigt wird, bekommen vor allem meine Kolleginnen und Kollegen und ich den Frust und Ärger zu spüren.
Natürlich gibt es auch Versicherte, die Verständnis zeigen, wenn Prozesse nicht sofort funktionieren. Die zuhören, wenn man erklärt, weshalb es etwas länger dauern kann, bis der Antrag bearbeitet ist. Dennoch überwiegt bei Weitem die Anzahl derer, die keine Geduld aufbringen können. Wir müssen uns am Telefon beschimpfen lassen und täglichen E-Mail-Terror managen. Auch Bedrohungen nehmen zu.
Mit welcher voranschreitenden Kälte und Rücksichtslosigkeit die Versicherten den Kolleginnen und Kollegen begegnen, nur damit sie schneller zu ihrem Recht kommen, erschüttert uns alle immer mehr. Das ständige Rechtfertigen belastet uns zunehmend. Es kostet Kraft und Nerven, außerdem raubt es Motivation und Lebenslust. Die Freude am Job, sich Tag für Tag um die Versicherten kümmern zu dürfen, nimmt kontinuierlich ab und die Sorge steigt, wie es weiter gehen soll. Wir hoffen sehr, dass die Verrohung gegen die Mitarbeitenden im öffentlichen Dienst endlich so in der Gesellschaft thematisiert wird, dass ein Umdenken stattfinden kann. Dass Arbeitgebende endlich die Bedeutung des Themas erkennen und handeln, bevor es zu spät ist.
Lebensmittelkontrolle: Berufsbild mit wachsendem Gefahrenpotential
Mein Name ist Florian Ackens. Ich bin 32 Jahre alt und bei einem Veterinäramt in Nordrhein-Westfalen als Lebensmittelkontrolleur beschäftigt.
Den nicht alltäglichen Beruf des Lebensmittelkontrolleurs habe ich gewählt, weil ich die Arbeit mit Menschen und den abwechslungsreichen Arbeitsalltag sehr schätze, gerade im Außendienst.
Doch dass der Job alles anderes ungefährlich sein kann, zeigt der Fall von zwei Kolleginnen aus Gelsenkirchen im März 2025. Sie kontrollierten einen Eiswagen. Der Inhaber zog ein Messer und verletzte die eine Kollegin leicht, die andere schwer.
Das erzeugt bei mir ein mulmiges Gefühl – denn auch ich kümmere mich um unangemeldete Kontrollen im Bereich Lebensmittel, Bedarfsgegenstände und Tabakwaren. Überwiegend finden die Kontrollen in der Gastronomie und im Einzelhandel statt. Wie im Fall der beiden Kolleginnen.
Als Vollzugsbehörde ist die Lebensmittelüberwachung eher belehrend, gegebenenfalls auch bestrafend unterwegs. Vergleichbar mit den Ordnungsämtern. Das merkt man leider auch immer wieder bei der täglichen Arbeit. Das Verständnis für das Eindringen in die persönlichen Angelegenheiten eines Unternehmers hält sich oft in Grenzen.
Schnippische Kommentare sind da eher harmlose Reaktionen. Leider kommt es immer wieder zu Beleidigungen oder Drohungen, die ich hier nicht unbedingt nennen möchte. Nur so viel: Manches geht unter die Gürtellinie.
Häufig sind aber weniger die Unternehmer*innen selbst das Problem. Umstehende Personen, die zum Beispiel gerade im kontrollierten Supermarkt einkaufen, stören die Kontrollen der Lebensmittelüberwachung. Oder in der Kneipe fühlen sich die Gäste während der abendlichen Kontrolle gestört und werden laut, teilweise handgreiflich.
Das ist auch ein Grund, weshalb wir Kontrollen bestenfalls im Team durchführen. Gerade in den Abendstunden. Ein Pfefferspray vermittelt zusätzliche Sicherheit. Doch die Standards sind in allen Behörden unterschiedlich. Oft ist das Kontrollpersonal allein unterwegs – und ohne Pfefferspray oder andere Schutzausrüstung.
Mir ist glücklicherweise noch nichts Schlimmeres passiert. Man merkt jedoch, dass das gesellschaftliche Klima rauer wird. Der Umgangston wird kälter, die Umgangsformen härter. Kommen dann noch persönliche oder wirtschaftliche Probleme der Unternehmer*innen hinzu, kann die Lage schnell eskalieren. Die Tätigkeit als Lebensmittelkontrolleur ist also kein sprichwörtlicher Ponyhof, sondern ein anspruchsvolles Berufsbild mit wachsendem Gefahrenpotential – was nicht zuletzt das erschreckende Beispiel der Kolleginnen aus Gelsenkirchen zeigt.
Redaktion: cdi