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InterviewIm Interview schildert Benjamin Fadavian (SPD), Bürgermeister von Herzogenrath, welchen Beitrag Städte und Kommunen aus seiner Sicht leisten können, um das gesellschaftliche Klima positiv zu gestalten. Foto: Privat
Benjamin Fadavian im Interview „Der öffentliche Dienst muss für die Menschen da sein“
Benjamin Fadavian wurde mit 30 zum Bürgermeister gewählt – und hat sehr konkrete Vorstellungen, wie eine moderne Verwaltung aussehen sollte. Ein Gespräch über das Bürgermeisteramt, Bürokratie und Bürgernähe.
Wenn ihr mit uns reden wollt, dann holt euch doch gefälligst einen Termin. Oder: Wir sind hier oben, ihr da unten.
„Solche Sichtweisen sind von vorgestern und gehen in der Verwaltung gar nicht“, sagt Benjamin Fadavian. „Die Verwaltung muss auf die Menschen zukommen, mit ihnen im Austausch sein und auf Augenhöhe agieren.“
Benjamin Fadavian – Jahrgang 1990, promovierter Jurist, Sozialdemokrat – ist Bürgermeister der Stadt Herzogenrath in der Nähe von Aachen. Bürgermeister*in werden? Für junge Leute ist es das in der Regel kein gewöhnliches Berufsziel. Doch wenn man genau hinschaut, gibt es in Deutschland einige, die an den Spitzen der Kommunalverwaltungen stehen, berichtet Fadavian. Viele hätten sich dem Netzwerk Junger Bürgermeister*innen angeschlossen, einem Verein, der unter anderem dem Erfahrungsaustausch dient. Auch er selbst.
Im Interview mit #staatklar schildert der gebürtige Aachener, wie er sein Amt erlebt und wie die Verwaltung im Sinne der Allgemeinheit bestenfalls aussehen sollte.
#staatklar: Herr Fadavian, Sie sind seit 2020 im Amt. Wie haben Sie es als 30-Jähriger geschafft, die Älteren von sich zu überzeugen?
Benjamin Fadavian: Tatsächlich habe ich nicht das Gefühl, dass man mehr Überzeugungsarbeit leisten muss, bloß weil man jung ist. Im Gegenteil. Viele Bürgerinnen und Bürger schätzen das Engagement junger Menschen, die neue Ideen und Dynamiken in den Politikbetrieb einbringen. Das ist zumindest das Feedback, das ich bekommen habe. Deshalb kann ich alle, die ebenfalls in die Kommunalpolitik wollen, nur ermutigen. Seid nicht schüchtern und nehmt die Dinge in Angriff!
Haben Sie das schon am Anfang Ihrer Amtszeit so empfunden? Wer neu ist, steht doch sicher unter kritischer Beobachtung …
Ja, das habe ich auch vor fünf Jahren schon so empfunden. Klar ist natürlich, dass es nicht ausreicht, jung zu sein und Ideen zu haben. Eine zupackende Art ist wichtig. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sind gewählt, um zu liefern. Sie müssen verbindlich auftreten, überparteilich agieren und in Konfliktsituationen versöhnliche Töne anschlagen, ohne deshalb Entscheidungen zu scheuen.
Das ist in der Praxis sicher nicht immer einfach. Warum nehmen Sie das auf sich?
Ohne eine funktionierende Kommunalpolitik gäbe es keine Demokratie – und die ist für mich die einzig richtige Art und Weise, das eigene Umfeld zu gestalten. Wer Dynamiken und Stimmungen erkennt, kann viel erreichen. Das treibt mich an und motiviert mich. Und letztlich stehe ich ja nicht allein da. Ich bin nur ein Teil der Stadtverwaltung, im Rathaus arbeiten viele versierte Kolleginnen und Kollegen.
Wir dürfen Netzwerke nicht zementieren, sondern müssen sie auch jungen Leuten verfügbar machen, die sich engagieren wollen.
Benjamin Fadavian
Hinzu kommt ein enormes Arbeitspensum. Termine am Abend und am Wochenende gehören zum Standard.
Das ist richtig. Offiziell bin ich Wahlbeamter, aber es fühlt sich oft an wie eine selbstständige Tätigkeit (lacht). Als Bürgermeister ist man immer im Dienst – im Supermarkt, im Imbiss, in der Fußgängerzone. Die Leute sprechen einen überall an. Aber das ist okay und geht mit dem Amt einher. Die Arbeitsstunden zähle ich nicht, das wäre auch kaum möglich. Grob überschlagen würde ich schätzen: 80 Wochenstunden sind keine Seltenheit.
Auch das Engagement im Stadtrat kostet Zeit – Zeit, die junge Menschen oft nicht aufbringen können. Wie ist die Situation in Herzogenrath?
Die Mehrheit im Stadtrat ist 60 Jahre alt oder älter, aber es gibt auch Mitglieder unter 30. Fakt ist: Junge Menschen müssen viel unter einen Hut bringen. Sie stehen am Anfang ihres Berufslebens, möchten möglicherweise eine Familie gründen oder ein Haus bauen. Da bleibt nicht viel Zeit übrig, um mehrere Abende pro Woche in Versammlungen zu verbringen. Gegen Ende des Berufslebens, im Ruhestand, bietet sich mehr Raum für kommunalpolitisches Engagement.
Bürokratie ist teils berechtigt, teils zu Unrecht ein negativ besetztes Schlagwort.
Benjamin Fadavian
Wäre projektbasierte Kommunalpolitik, in der sich junge Leute für einen begrenzten Zeitraum – sagen wir mal drei Monate – engagieren können, ein Modell für mehr Beteiligung?
Das wäre durchaus eine Idee. Aber man darf nicht vergessen: Kommunalpolitik beruht auf Kommunalwahlen. Es muss immer eine demokratische Legitimation stattfinden.
Für mich ebenfalls ein entscheidender Punkt: Der Erfolg von Kommunalpolitik hängt stark von Netzwerken ab. Wer tagsüber arbeiten muss, hat am Vormittag kaum Zeit, um drei Stunden herumzutelefonieren. Wir dürfen Netzwerke nicht zementieren, sondern müssen sie auch jungen Leuten verfügbar machen, die sich engagieren wollen. Das könnte zu mehr Beteiligung führen.
Möglicherweise ist auch Bürokratie, die viele mit der Verwaltung in Verbindung bringen, ein Hindernis.
Das muss man differenziert betrachten. Bürokratie ist teils berechtigt, teils zu Unrecht ein negativ besetztes Schlagwort.
Positive Bürokratie? Das müssen Sie erklären!
Bei Bürokratie geht es auch um den Ausgleich von Interessen. An allen Vorgängen in der Verwaltung sind Menschen beteiligt, die eigene Meinungen vertreten. Das liegt in einer demokratischen Gesellschaft in der Natur der Sache.
Will man in der Praxis etwas schnell umsetzen, fühlen sich Gruppen benachteiligt, die anderer Meinung sind. Da ist die Rede von einem Hauruckverfahren, das nicht rechtsstaatlich sei. Es steht der Vorwurf im Raum, bestimmte Interessen unter den Teppich zu kehren. Und umgekehrt – wenn es mal etwas länger dauert – fragen sich einige: Warum dauert das denn so lange? Anderswo geht es doch auch viel schneller! Dabei soll die Bürokratie gewährleisten, dass möglichst viele Interessen gehört werden.
Mehr entdecken: Bürokratieabbau – „weniger Bürokratie, bessere Verwaltung“
Noch ein konkretes Beispiel aus der Justiz: Es gab schon oft die Überlegung, eine von drei Instanzen abzuschaffen. Objektiv würde das zu einer Entlastung führen und Verfahren beschleunigen. Gleichzeitig gilt: Alle, die nach zwei Instanzen unterliegen, wären mit großer Sicherheit nicht sonderlich begeistert, wenn ihnen eine Möglichkeit genommen wird, an ihr Recht zu kommen.
Trotz allem verursacht Bürokratie bei vielen Menschen das Gefühl, dass die Dinge nicht vorangehen. Wie können Städte und Kommunen entgegenwirken?
Einerseits, indem sie erklären – so wie ich es eben getan habe. Und anderseits ist es natürlich wichtig, Prozesse im Rahmen des Möglichen schlank zu halten und pragmatische Entscheidungen zu treffen. Ein Beispiel: Wir haben uns entschieden, bei uns in Herzogenrath die Parkgebühren abzuschaffen.
Warum?
Weil es sich für die Stadt nicht gelohnt hat. Parkgebühren sind mit zahlreichen Ausgaben verbunden: Sie müssen Automaten besorgen. Jemand muss die Automaten warten, mit Papier ausstatten, das Geld holen und bei der Bank einzahlen. Die Bank verlangt Gebühren, schreibt das Geld dem städtischen Konto gut. Manchmal geht etwas kaputt. Dann stehen die Leute vor dem Automaten und ärgern sich. Unterm Strich hatten die Parkgebühren für alle Beteiligten keinen Mehrwert.
Wer eine Minute vor Dienstschluss aufs Amt kommt, um seinen Pass abzuholen, wird nicht wieder weggeschickt, sondern bekommt ihn trotzdem noch.
Benjamin Fadavian
Kommen wir von den Bürgerinnen und Bürgern zu den Beschäftigten im öffentlichen Dienst: Immer häufiger sind sie mit Beleidigungen, Bedrohungen und schlimmstenfalls mit körperlicher Gewalt konfrontiert. Das gesellschaftliche Klima verschlechtert sich. Wie nehmen Sie die Situation wahr?
Als mittelgroße Stadt ist Herzogenrath, was das betrifft, im Vergleich wahrscheinlich kein heißes Pflaster. Wir nehmen die gesellschaftlichen Tendenzen aber durchaus mit Sorge wahr. Für die Mitarbeitenden beim Ordnungsamt haben wir schlag- und stichsichere Westen angeschafft. Das gibt ihnen ein besseres Gefühl und kann im Ernstfall Leben retten.
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Vor allem während der Pandemie waren viele Menschen mental am Anschlag. Da hat das Knöllchen an der Windschutzscheibe bei dem einen oder anderen das Fass zum Überlaufen gebracht. Doch das rechtfertigt keine Beleidigungen – wir wollen vernünftig miteinander umgehen. Die Stadt bringt alle verbalen und körperlichen Übergriffe gegen ihre Beschäftigten zur Anzeige. Mein Eindruck ist, dass die Justizbehörden für das Thema sensibler geworden sind und die Anzeigen nicht irgendwo im Nirwana verschwinden. Das ist schon einmal eine positive Entwicklung.
Aber letztlich muss es auch darum gehen, die Ursachen zu beseitigen und das gesellschaftliche Klima wieder zu drehen. Welchen Beitrag kann der öffentliche Dienst dafür leisten?
Für die Kommunen kann ich sagen: Ihre Stärke liegt darin, dass die Strukturen überschaubar sind. Das lässt sich nutzen. Aus meiner Sicht ist es wichtig, Menschen zusammenzubringen und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
Bei der Stadtplanung legen wir, was den Wohnungsbau betrifft, großen Wert auf eine soziale Durchmischung. Wir haben viele Quartiersprojekte ins Leben gerufen, darunter eine Beratungsstelle für Senior*innen. Und wir binden gesellschaftliche Gruppen, etwa die Moscheegemeinde im Ort, aktiv mit ein.
Verwaltungen müssen den Kontakt mit den Menschen suchen und wissen, was sie bewegt. Das gilt selbstverständlich auch für die digitalen Räume. Wenn es in den sozialen Medien brodelt und die Leute sich aufregen, was die öffentliche Hand da wieder macht, suchen wir den Dialog.
Bürgernähe ist ein entscheidendes Stichwort, um Vertrauen zu gewinnen. Wie sieht Bürgernähe in der Kommunalverwaltung idealerweise aus? Was ist Ihre Vision?
Der öffentliche Dienst muss für die Menschen da sein. Konkret heißt das: Wer eine Minute vor Dienstschluss aufs Amt kommt, um seinen Pass abzuholen, wird nicht wieder weggeschickt, sondern bekommt ihn trotzdem noch.
Für mich ist vor allem wichtig, dass die Verwaltung agil ist. Sie muss strategisch operieren und fragen: Welche Netzwerke brauche ich innerhalb der Bevölkerung, um gemeinschaftliche Ziele zu erreichen? Und sie muss ehrlich sein: Es gibt auch Dinge, die nicht funktionieren. Projekte, die schieflaufen. Auch Fehler muss man kommunizieren und die Gründe benennen, um glaubwürdig zu bleiben.
Am Ende des Tages geht es darum, immer mit den Menschen im Austausch zu sein und zu wissen, was sie bewegt: also kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren. Ohne Ende.
Interview: Christoph Dierking